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„Sie können einen Priester nicht durch KI ersetzen.“

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Wolfram Eberhardt über Enterprise-KI im Erzbistum Köln, wirtschaftlichen Druck und die Grenzen der Automatisierung

Das Erzbistum Köln beschäftigt mehr als 10.000 Menschen, betreibt eine eigene IT und führt Enterprise-KI ein. Gleichzeitig ist der Mensch für viele seiner wichtigsten Aufgaben nicht austauschbar. Wolfram Eberhardt ist Bereichsleiter Medien & Kommunikation und Pressesprecher des Erzbistums Köln. Im Gespräch mit Simon Biela erklärt er, wo KI bereits eingesetzt wird, weshalb Effizienz nicht automatisch Stellenabbau bedeuten darf und warum Seelsorge, Predigt und menschliche Nähe nicht automatisiert werden sollen.

Herr Eberhardt, wie groß ist das Erzbistum Köln als Organisation?

Im Erzbistum Köln arbeiten deutlich mehr als 10.000 Menschen. Dazu gehören die pastoralen Dienste, diakonische Einrichtungen, das Generalvikariat, Schulen und Kindertagesstätten. Viele dieser Menschen arbeiten vor Ort und helfen Menschen in Not oder in besonders herausfordernden Situationen. Geografisch reicht das Erzbistum ungefähr von Wuppertal bis Bonn. Wir haben mehr als 1,5 Millionen Katholikinnen und Katholiken, unsere Dienste richten sich aber nicht ausschließlich an sie. Wenn beispielsweise die Notfallseelsorge ausrückt, fragt sie nicht zuerst nach der Konfession.

Was hat sich durch KI bei Ihnen bisher am stärksten verändert?

Wir haben einen sehr guten Assistenten und Sparringspartner bekommen. Man kann sich mit der KI austauschen und eigene Gedanken von ihr challengen lassen. Gleichzeitig bleibt sie ein Sparringspartner. Die passenden Schlussfolgerungen muss ich am Ende selbst ziehen. Genau das beschreiben mir auch viele Mitarbeitende als großen Nutzen.

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„Dass man tatsächlich einen super Assistenten bekommen hat, einen super Sparringspartner, mit dem man sich austauschen kann.“

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Haben alle Mitarbeitenden bereits Zugang zu dieser KI?

Noch nicht flächendeckend. Wir arbeiten zunächst mit Pilotprojekten. Bereiche mussten sich mit konkreten Use Cases bewerben und zeigen, wo die KI einen sinnvollen Mehrwert schafft. Wir wollten sie nicht einfach wie Kamelle verteilen. Das hat auch wirtschaftliche Gründe, weil eine Enterprise-KI Geld kostet. Vor allem zwingt dieses Vorgehen aber dazu, vorher zu überlegen, welches Problem eigentlich gelöst werden soll.

KI ordnet, der Mensch entscheidet

Welche konkreten Anwendungen sind daraus entstanden?

Ein Beispiel kommt aus dem Bereich Weltkirche. Das Erzbistum unterstützt Projekte rund um den Globus, etwa Schulen, Sanitärprojekte oder Hilfe in Notsituationen. Die Anträge kommen in unterschiedlichen Sprachen und sehr unterschiedlicher Qualität bei uns an. Wir wollen Menschen in schwierigen Situationen nicht dazu zwingen, 99 Formulare auszufüllen. Gleichzeitig müssen wir verantwortungsvoll entscheiden, welche Projekte wir finanziell unterstützen.

KI hilft dabei, die Unterlagen zu übersetzen, zu sichten, zu strukturieren und vergleichbar zu machen. Sie schafft ein gemeinsames Ausgangsniveau für die Kolleginnen und Kollegen. Die Entscheidung selbst trifft sie nicht. Fachleute schauen genauer hin, sprechen mit den Projektpartnern und reisen bei größeren Vorhaben gegebenenfalls selbst in das Land.

Wer verantwortet diese KI-Projekte im Erzbistum?

Die IT treibt das Thema stark, weil es in die gesamte IT-Strategie und die vorhandene Tool-Landschaft passen muss. Es geht um Schnittstellen, Datenquellen und die Frage, welche internen Informationen als verlässliche Quellen genutzt werden können. Gleichzeitig haben wir ein Inhouse Consulting, also eine interne Unternehmensberatung, die solche Projekte begleitet und darauf achtet, dass sie effizient umgesetzt werden.

Welche Rolle spielt dabei das KI-Board?

Das KI-Board soll Qualität und eine zukunftsgerichtete Bewertung in das Thema bringen. Es nimmt Entwicklungen in den Blick, beschäftigt sich mit kritischen Fragen und schaut im Sinne eines Foresight-Prozesses darauf, was als Nächstes auf die Organisation zukommt. Es geht also nicht nur darum, einzelne Anwendungen freizugeben, sondern auch um Governance und Orientierung.

Wie gut sind die internen Daten bereits für KI nutzbar?

Das ist noch eine Herausforderung. Auch unsere internen Quellen sind nicht immer so gepflegt, dass eine KI sie zuverlässig nutzen kann. Das beginnt beim Intranet. Nicht alle Informationen sind aktuell. Wenn die KI darauf zugreift, kann sie deshalb zu falschen Schlussfolgerungen kommen. Das Problem ist nicht allein die Leistungsfähigkeit des Modells. Entscheidend ist, ob der Kontext stimmt, den wir ihm zur Verfügung stellen.

Effizienz ist kein Restrukturierungsprojekt

Warum braucht die Kirche überhaupt mehr Effizienz?

Wir müssen sparen. Die Zahl der Katholikinnen und Katholiken sinkt, damit gehen auch die Einnahmen aus der Kirchensteuer zurück. Unsere Budgets werden in den kommenden Jahren deutlich kleiner. Gleichzeitig ist das Generalvikariat eine Serviceeinheit für die Kirche vor Ort. Wir müssen diese Leistungen möglichst effizient erbringen. Die wirtschaftlichen Fragen unterscheiden sich an dieser Stelle nicht grundlegend von denen anderer großer Organisationen.

Was passiert mit der Arbeit, die eine KI schneller erledigt?

Wer vorher mit vielen Überstunden nach Hause gegangen ist, hat möglicherweise weniger Überstunden und mehr Zeit für ein Telefonat mit einem Projektpartner. Die KI ordnet und strukturiert Daten. Danach muss trotzdem mit Menschen gesprochen werden. Bevor über ein Projekt in der Ukraine, in Indien oder an einem anderen Ort entschieden wird, braucht es Austausch und bei größeren Investitionen auch einen persönlichen Eindruck vor Ort.

In meinem eigenen Bereich können wir Inhalte und Formate schneller entwickeln. Trotzdem muss jemand die Ergebnisse prüfen, bearbeiten oder auch verwerfen, wenn der Ansatz nicht trägt. Zunächst entsteht also ein höherer Durchsatz.

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„Wir wollen unsere Arbeit verbessern, aber es ist in dem Sinne jetzt nicht quasi ein Restrukturierungsprojekt.“

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Darf KI im Erzbistum gezielt eingesetzt werden, um Personalkosten zu senken?

Wenn ein KI-Projekt dieses kurze und direkte Ziel hätte, dann wäre das aus meiner Sicht nicht richtig. Wir schauen zunächst auf bessere Arbeitsergebnisse und höhere Effizienz. Natürlich stehen wir unter wirtschaftlichem Druck. Trotzdem darf man nicht alles einem reinen Effizienzgedanken unterordnen. Der Wert menschlicher Arbeit darf dadurch nicht an Bedeutung verlieren.

Hilft KI zumindest gegen den demografischen Wandel?

Wir bekommen weiterhin viele Bewerbungen und beschäftigen auch viele junge Menschen. Gleichzeitig gibt es Tätigkeiten, die sich nicht einfach ersetzen lassen. Einen Priester, ein seelsorgerliches Gespräch, einen Notfallseelsorger, einen Lehrer oder eine Erzieherin kann man nicht durch KI austauschen. Bei uns ist sehr vieles ein People-Business. Genau dort liegt der Wert der Arbeit im persönlichen Kontakt.

Seelsorge bleibt menschlich

Dürfen Priester ihre Predigten mit KI schreiben?

Der Papst hat dazu eine klare Empfehlung gegeben und sinngemäß gesagt, man solle es lassen. Eine Predigt ist ein zentraler Teil der Arbeit eines Priesters. Sie ist eine Gelegenheit, mit Menschen in Kontakt zu kommen, Fragen aufzugreifen und Antworten aus dem Glauben heraus zu geben. Das sollte das sein, was jemand selbst fühlt, glaubt und aufgrund seines theologischen Studiums weiß.

Wir kontrollieren allerdings nicht aus Köln, ob ein Priester in Wuppertal seine Predigt mit KI schreibt. Die Kirche ist dezentral. Es handelt sich um eine Empfehlung und nicht um eine Vorschrift, an die eine konkrete Sanktion geknüpft wäre.

Könnte KI Menschen in der Telefonseelsorge unterstützen oder sogar Gespräche übernehmen?

Der Gedanke liegt nahe, gerade weil solche Angebote stark beansprucht werden und es Wiederholungsanrufer gibt. Trotzdem ist Seelsorge eine sehr wichtige Schnittstelle zu Menschen mit manchmal dramatischen Problemen. Sie geschieht aus einer Haltung und aus dem Glauben heraus. Deshalb kann ich mir nicht vorstellen, dass wir diesen Kontakt durch KI ersetzen.

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„Seelsorge ist eben wirklich etwas zutiefst Menschliches.“

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Aber Menschen vertrauen einer KI heute bereits persönliche Probleme an. Gerät das Angebot der Kirche dadurch nicht unter Druck?

Wir nehmen dieses Phänomen wahr. Unser Ansatz ist aber nicht einfach Lebensberatung als Geschäftsmodell. Wir wollen Menschen mit dem Glauben in Verbindung bringen. Natürlich rufen nicht alle mit der Erwartung eines Glaubensgesprächs an. Trotzdem steht hinter unserer Beratung eine bestimmte Intention. Deshalb beobachten wir, was sich durch KI verändert, bleiben aber bei unserem Wesenskern.

Der Papst setzt der Technik Grenzen

Warum äußert sich der Papst überhaupt so ausführlich zu KI?

Der Papst äußert sich zu gesellschaftlichen Fragen der Zeit aus Sicht des Evangeliums. KI ist dabei, die Gesellschaft grundlegend zu verändern. Wenn Grundkonstanten ins Wanken geraten oder ein gesellschaftlicher Kipppunkt möglich wird, beschreibt die Kirche, wie sie sich dazu verhält. Das ist vergleichbar mit früheren Sozialenzykliken, die sich mit der Bedeutung von Arbeit beschäftigt haben.

Welche Konsequenzen hat diese Haltung für konkrete KI-Projekte?

Der Papst warnt vor einem technokratischen Paradigma, in dem alles dem Effizienzgedanken untergeordnet wird. Wenn ein Projekt nur unter diesem Gesichtspunkt betrachtet wird, geraten menschliche Aspekte schnell aus dem Blick. Dazu gehören die Möglichkeit, Fehler zu machen, Dinge zu bezweifeln oder zu unerwarteten Ergebnissen zu kommen. Der Mensch und seine Würde müssen deshalb im Mittelpunkt bleiben.

Warum war es wichtig, diese Position gemeinsam mit Tech-Unternehmern öffentlich zu machen?

Auf globaler Ebene gab es eine Leerstelle. Tech-Unternehmer und viele Politiker haben sich zu KI geäußert, aber es fehlte eine global wahrnehmbare moralische Stimme. Der Papst hat diese Rolle ausgefüllt und den Grundsatz „Mensch zuerst, KI danach“ auf die Weltbühne gebracht. Das Gespräch mit den Verantwortlichen aus der Technologiebranche ist dabei wichtig. Wenn Kirche Einfluss nehmen will, muss sie mit ihnen sprechen und darf sie nicht von vornherein verurteilen.

Was bedeutet die Forderung, KI zu entwaffnen?

Beim Einsatz digitaler Technologien in Kriegen stehen wir an einem entscheidenden Punkt. Die zentrale Frage lautet, wer über Leben und Tod entscheidet. KI kann in einer Raketenabwehr schneller priorisieren, als ein Mensch es könnte. Hochkritisch wird es aber, wenn ein System selbst entscheidet, welche Waffen gegen wen eingesetzt werden. Hier darf die Entscheidung nicht an eine Maschine abgegeben werden.

Was Unternehmen von der Kirche lernen können

Wie setzen Sie Enterprise-KI in Ihrer eigenen Kommunikationsarbeit ein?

Vor allem bei Inhalten. Aus einem Ausgangstext lassen sich unterschiedliche Formate für Online, Social Media oder Newsletter entwickeln. KI hilft außerdem bei der Inspiration und als kritischer Gesprächspartner. Ich kann eine eigene Idee prüfen lassen und fragen, ob sie zu einer Zielgruppe passt. Sie ermöglicht es, in überschaubarer Zeit unterschiedliche Inhalte herzustellen. Trotzdem schaue ich selbst darauf, bearbeite die Ergebnisse oder verwerfe sie.

Wir nutzen eine geschützte Enterprise-Lösung, über die verschiedene Modelle verfügbar sind, ohne dass unsere Daten unkontrolliert abfließen. Der Austausch findet derzeit vor allem in den jeweiligen Projekten statt. Gleichzeitig versuchen wir, Anwendungen und Agents stärker zu standardisieren, damit nicht jeder Bereich dieselben Werkzeuge neu entwickelt.

Was können Unternehmen aus der Haltung der Kirche lernen?

Auch Unternehmen sagen, dass ihre Mitarbeitenden das Wichtigste sind. Dieses Versprechen wird durch KI auf die Probe gestellt. In vielen Aufgaben bleibt der Mensch zentral, etwa im anspruchsvollen Vertrieb, in der Beratung oder überall dort, wo Vertrauen eine entscheidende Rolle spielt. Technologie kann Informationen liefern und Prozesse beschleunigen. Sie ersetzt aber nicht automatisch die Beziehung, auf der eine Entscheidung beruht.

Was wird sich in den kommenden Jahren verändern und was bleibt unangetastet?

Ich hoffe, dass KI an viel mehr Stellen in der Kirche zum Einsatz kommt. Der Papst hat grundsätzlich eine positive Sicht auf Technologie. Wir müssen mit unseren Ressourcen besser umgehen, und dafür gibt es noch viele Möglichkeiten. Gleichzeitig bleibt Seelsorge das Feld, auf das es ankommt. Wenn es im Leben eines Menschen knallt oder jemand an einen Wendepunkt gerät, müssen wir als Kirche und als Menschen da sein, zuhören und den richtigen Ton finden. Da bin ich sicher, dass KI das so nicht schafft.

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Redaktioneller Hinweis: Dieses Interview basiert auf der AI & Why Podcast-Episode „Wann darf KI den Menschen ersetzen?“ mit Wolfram Eberhardt. Für eine bessere Lesbarkeit wurde das Gespräch redaktionell bearbeitet und sprachlich leicht angepasst, ohne die inhaltlichen Aussagen zu verändern.

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Wolfram Eberhardt ist Bereichsleiter Medien & Kommunikation und Pressesprecher des Erzbistums Köln. Zuvor arbeitete er im Medien- und Kommunikationsbereich großer Industrieunternehmen. In seiner heutigen Rolle verbindet er organisatorische, kommunikative und gesellschaftliche Fragen rund um Digitalisierung und KI.
Das Erzbistum Köln ist eine große kirchliche Organisation mit mehr als 1,5 Millionen Katholikinnen und Katholiken und mehr als 10.000 Beschäftigten in Verwaltung, Schulen, Kindertagesstätten, pastoralen und sozialen Diensten. Es führt eine geschützte Enterprise-KI ein und erprobt deren Einsatz derzeit in ausgewählten Projekten.
FAQs

Wie setzt das Erzbistum Köln KI ein?

Das Erzbistum Köln führt eine geschützte Enterprise-KI ein und testet sie zunächst in Pilotprojekten. Die Bereiche mussten sich dafür mit konkreten Use Cases bewerben. Im Bereich Weltkirche hilft KI zum Beispiel dabei, Förderanträge aus aller Welt zu übersetzen, zu strukturieren und vergleichbar zu machen.

Trifft die KI im Erzbistum Köln Entscheidungen?

Nein. Die KI ordnet und strukturiert die Unterlagen und schafft so eine gemeinsame Ausgangsbasis. Über die Projekte entscheiden weiterhin Fachleute, oft nach Gesprächen mit den Projektpartnern und bei größeren Vorhaben auch nach einem Besuch vor Ort.

Soll KI im Erzbistum Köln Personalkosten senken?

Laut Wolfram Eberhardt wäre ein KI-Projekt mit diesem direkten Ziel nicht richtig. Im Vordergrund stehen bessere Arbeitsergebnisse und mehr Effizienz. Trotz des wirtschaftlichen Drucks darf der Wert menschlicher Arbeit nicht an Bedeutung verlieren.

Was können Unternehmen von der Haltung der Kirche zu KI lernen?

Auch Unternehmen sagen, dass ihre Mitarbeitenden das Wichtigste sind. KI stellt dieses Versprechen auf die Probe. In der Beratung, im anspruchsvollen Vertrieb und überall dort, wo Vertrauen zählt, bleibt der Mensch im Mittelpunkt.

Donnerstag 11. Juni ab 18 Uhr

Event: Data & AI After Hours in Köln

Praxisnahe Impulse & Austausch zu Data und AI