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„KI ist kein Schwarz-Weiß-Thema“

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KI im Mittelstand: Warum Thomas Løstegård bei TOMRA auf kleine Schritte, klare ROI-Prüfung und Führung statt Big Bang setzt

Viele Unternehmen fragen sich gerade, ob sie bei Künstlicher Intelligenz schon handeln müssen oder ob Abwarten noch erlaubt ist. Thomas Løstegård, Head of Business Unit Germany und Geschäftsführer von TOMRA Collection Deutschland, rät klar, nicht in Aktionismus zu verfallen, aber auch nicht am Rand stehenzubleiben. Im Gespräch mit AI & Why erklärt er, warum TOMRA KI nicht als Hype-Thema behandelt, sondern als Werkzeug, um Prozesse besser, schneller und verlässlicher zu machen, und zwar Schritt für Schritt, nah an den Verantwortungsbereichen und immer mit Blick auf den tatsächlichen Nutzen.

Thomas, wäre es schlimm, wenn TOMRA bei KI noch drei Jahre warten würde?

Vielleicht nicht sofort. Aber das Risiko ist natürlich, dass der Abstand größer wird und dass wir den Lernprozess verpassen, den wir sowieso durchlaufen müssen. Deshalb bin ich überzeugt, dass wir früh starten und mitgehen müssen und nicht warten sollten.

Was macht TOMRA denn heute schon konkret mit KI?

Eigentlich machen wir nicht KI. Wir lösen Probleme. Wir arbeiten daran, Prozesse besser zu machen, effizienter zu werden und jeden Tag ein Stück besser zu werden. KI gehört dazu.

„Eigentlich machen wir nicht KI. Wir lösen Probleme.“

Das klingt nach einem bewussten Unterschied: nicht beim Tool anfangen, sondern beim Problem.

Genau. KI ist heute ohnehin an vielen Stellen eingebettet, zum Beispiel im Microsoft-Universum, in CRM-Systemen, in ERP-Systemen. Sie ist bereits Teil des Arbeitsalltags. Spannend sind für uns aber die gezielten KI-Projekte, etwa in der Supply Chain oder im Fulfillment. Dort geht es um große Datenmengen, manuelle Arbeit, komplexe Listen und die Frage, wie wir Mitarbeitende dabei unterstützen können, bessere Entscheidungen zu treffen, effizienter zu arbeiten und am Ende auch die Qualität zu erhöhen.

ROI, Realität und kleine KI-Schritte

Rechnet TOMRA bei solchen Projekten sehr genau, ob sich KI finanziell lohnt?

Ja. Das ist uns wichtig. Es muss immer ein ROI dahinterstecken. Gleichzeitig ist genau das eine große Herausforderung: Wie rechnet man das eigentlich? Viele Anbieter versprechen viel. Deshalb muss man kritisch hinterfragen und realistisch bleiben.

Das heißt, wenn sich ein Projekt nicht rechnet, macht ihr es nicht?

Genau. Projekte müssen in die Realität passen. Unsere Mitarbeitenden müssen glauben, dass es etwas bringt. Die Menschen, die jeden Tag mit den Herausforderungen arbeiten, müssen einen Wert erkennen. Dann wird es interessant. Dann schauen wir, wie uns die Technologie helfen kann, Probleme effizienter zu lösen.

„Ich würde immer empfehlen, klein zu starten.“

Du sagst: klein anfangen, aber nicht warten. Warum ist dieser Mittelweg für dich so wichtig?

Weil man sich mit einer KI-Initiative nicht gleich verheiraten muss. Ich würde immer empfehlen, klein zu starten. Am Anfang hatte ich vielleicht gedacht, dass wir größer und schneller unterwegs wären. Aber wir haben vieles auf das Wesentliche heruntergekocht. Dadurch ist es bezahlbar und im Risikobild gut vertretbar.

Und wenn ein Projekt scheitert?

Dann gehört das dazu. Nicht jedes KI-Projekt wird ein großer Erfolg. Aber das ist Teil des Lernprozesses.

Führung, Beteiligung und Skepsis bei KI

Wie habt ihr das Thema bei TOMRA gestartet?

Wir haben mit den Führungskräften begonnen. Bei TOMRA haben wir drei Kernwerte, nämlich Verantwortung, Leidenschaft und Innovation. Zu Innovation gehört für uns, den Status quo zu hinterfragen. Deshalb passt das Thema gut zu unserer DNA. Wir haben externe Perspektiven reingeholt, mit den Führungskräften über KI gesprochen und uns gemeinsam damit auseinandergesetzt.

Was hat dich dabei überrascht?

Dass der Kenntnisstand sehr unterschiedlich war. Manche Kolleginnen und Kollegen, von denen ich dachte, sie seien weit vorne, hatten sich noch gar nicht so intensiv mit KI beschäftigt. Andere, bei denen ich es weniger erwartet hätte, nutzen KI bereits jeden Tag. Das war für mich ein wichtiger Aha-Moment.

Was passierte nach diesem ersten Führungskräfte-Workshop?

Wir haben den Führungskräften Copilot-Lizenzen gegeben, damit sie eigene Erfahrungen sammeln können. Danach haben wir das Thema im Kick-off-Meeting breiter ins Unternehmen getragen. Wir haben alle eingeladen, den Kopf zu öffnen und mit Ideen zu kommen: Wo können wir KI oder andere Technologien nutzen, um Probleme besser zu lösen oder Qualität zu steigern?

Also ging es nicht ausschließlich um KI?

Nein. Das war uns sehr wichtig. Es geht nicht nur um KI, sondern um „AI and beyond“. Es geht darum, Probleme effizienter zu lösen und Qualität zu steigern. KI inspiriert diesen Prozess, aber sie ist nicht das einzige Thema.

Warum ist dir die Verankerung in den Fachbereichen so wichtig?

Weil die Menschen, die jeden Morgen zur Arbeit kommen, ihre Aufgaben am besten kennen. Wenn sie nicht glauben, dass die Tools oder Technologien ihnen im Alltag helfen, bringt es nichts. Nachhaltige Verbesserung entsteht nur, wenn diese Menschen einbezogen werden und auch bei Entscheidungen etwas dazu sagen können.

Manche Unternehmen bauen dafür zentrale KI-Teams oder Center of Excellence auf. Ist das bei TOMRA anders?

Shared Services und geteilte Kompetenzen machen natürlich Sinn. Aber KI darf nicht nur ein Projekt mit Enddatum sein, nach dem Motto: Jetzt haben wir KI gemacht. Sie muss in Verantwortungsbereichen verankert sein. Dort sieht man am besten, wo der Nutzen wirklich entsteht.

Wie geht ihr mit Mitarbeitenden um, die skeptisch sind oder nicht sofort mitgehen wollen?

Die gibt es sicherlich. Ich würde gerne sagen, dann setzen wir uns hin, trinken Kaffee und reden darüber. Ich glaube, die meisten Mitarbeitenden glauben an Verbesserung. Sie glauben, dass es morgen besser werden kann als heute. Aber sie müssen nicht jede neue Technologie sofort begeistert annehmen.

Das heißt, Skepsis ist für dich nicht automatisch Widerstand?

Genau. Diese kritische Einstellung, dieses Hinterfragen, ob etwas Sinn macht, möchte ich sogar beibehalten. Vielleicht gibt es Menschen, die sich komplett querstellen. Aber ich habe sie bisher nicht getroffen, oder zumindest noch kein sinnvolles Gespräch mit ihnen geführt. Entscheidend sind Kommunikation, Transparenz und Ausbildung.

KI-Evolution statt KI-Big-Bang

Viele sprechen bei KI von Transformation oder Disruption. Du eher von Evolution. Warum?

Ich kann mir schwer vorstellen, wie so ein Big Bang aussehen soll. Für uns ist KI kein Schwarz-Weiß-Thema, kein „Ja oder Nein“. Irgendwann wird es wahrscheinlich ein KI-Element in fast jeder Aufgabe oder jedem Problem geben. Aber wo KI den meisten Wert bringt, wissen wir noch nicht überall. Wir lernen jeden Tag.

„Ich glaube, es ist sehr wichtig, KI Schritt für Schritt eher als Evolution zu sehen als als Disruption.“

Heißt das, erst Use Cases, dann vielleicht irgendwann größere Strukturen?

Ja. Wir machen uns natürlich Gedanken über Datenqualität, Datensysteme, Cyber Security und die Frage, wie KI auf Daten zugreifen kann. Aber wenn man wartet, bis die Datenqualität überall perfekt ist, wartet man vielleicht ewig. Für einzelne Anwendungen muss die Datenqualität gut genug sein, um Wert zu schaffen. Dahin entwickeln wir uns Schritt für Schritt.

Ersetzt KI bei TOMRA künftig Arbeitsplätze?

Ich sehe das im Moment nicht so. In den 23 Jahren, in denen ich bei TOMRA arbeite, habe ich keine Führungskraft getroffen, die gesagt hat: Ich habe zu viel Kapazität oder zu wenig zu tun. Für mich geht es hauptsächlich darum, manuelle Arbeit zu reduzieren, Menschen anders einzusetzen und mehr Wertschöpfung zu ermöglichen und nicht darum, Jobs zu ersetzen.

Trotzdem verändert KI Arbeit grundlegend. Macht dir das Sorgen?

Ich bin grundsätzlich optimistisch gegenüber neuen Technologien. Aber Herausforderungen muss man ernst nehmen. Ich denke auch an meine Töchter und frage mich, mit welchen Tools und Technologien sie arbeiten werden, wenn sie ins Arbeitsleben eintreten. Wir müssen uns als Unternehmen darauf vorbereiten, dass eine neue Generation andere Arbeitsweisen erwartet.

Verändert KI auch das Geschäftsmodell von TOMRA?

Ja, damit müssen wir uns beschäftigen. Ich glaube nicht, dass KI unser Geschäftsmodell entweder erfolgreich macht oder zerstört. Es ist wie gesagt kein Schwarz-Weiß-Thema. Aber KI wirkt darauf ein, wie wir wettbewerbsfähig bleiben, wie wir effizienter werden und wie wir die Probleme unserer Kunden besser lösen.

Also nicht nur interne Effizienz, sondern auch Kundennutzen?

Genau. Wir müssen unseren Kunden ständig mehr Wert bringen, innovativer sein und attraktivere Lösungen anbieten. Es wird nicht weniger zu tun. Aber es wird mehr erwartet, und solche Technologien können uns helfen, effizienter und schneller zu werden.

Was würdest du anders machen, wenn du heute noch einmal starten würdest?

Ich würde sehr früh mit Kommunikation anfangen, Mitarbeitende einbinden und Ausbildung starten. Vielleicht hätten wir das noch früher tun können, aber besser spät als nie.

Und was wäre deine wichtigste Empfehlung an andere Mittelständler?

Klein anfangen. Copilot, Office-KI und ähnliche Werkzeuge können gute Ideen bringen. Aber man sollte sich immer fragen: Wo kann ich wirklich profitieren, jenseits von besseren E-Mails oder besseren Präsentationen? Der eigentliche Wert entsteht dort, wo KI in Verantwortungsbereichen ankommt und in Business-Prozesse eingreift.

Also kein einmaliges KI-Projekt?

Nein. Ich würde es nicht als Disruption oder Big Bang sehen, sondern als Evolution und eigentlich als Projekt ohne Ende.

Redaktioneller Hinweis: Dieses Interview basiert auf der AI & Why Podcast-Episode „Braucht KI den Big Bang?“ mit Thomas Løstegård. Für eine bessere Lesbarkeit wurde das Gespräch redaktionell bearbeitet und sprachlich leicht angepasst, ohne die inhaltlichen Aussagen zu verändern.

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Thomas Løstegård ist Head of Business Unit Germany und Geschäftsführer von TOMRA Collection Deutschland. Er kommt ursprünglich aus Norwegen, hat einen technischen Hintergrund und ist seit vielen Jahren im TOMRA-Umfeld tätig. In seiner Rolle verantwortet er das Deutschlandgeschäft und beschäftigt sich unter anderem damit, wie Technologie, Effizienz und Führung im Mittelstand zusammenwirken.
TOMRA Collection Deutschland ist Teil der international tätigen TOMRA-Gruppe. Das Unternehmen ist vielen Menschen vor allem durch Rücknahmeautomaten für Pfandflaschen und -dosen bekannt. Hinter diesen Systemen stehen komplexe Technologie-, Service- und Logistikprozesse. In Deutschland betreut TOMRA unter anderem den Betrieb, Service und die Weiterentwicklung von Lösungen rund um Rücknahme- und Kreislaufsysteme.
FAQs

Wie startet man KI im Mittelstand sinnvoll?

Thomas Løstegård empfiehlt, klein zu starten und sich nicht sofort mit einer großen KI-Initiative zu verheiraten. Bei TOMRA begann das Thema mit den Führungskräften, ergänzt um externe Perspektiven und Copilot-Lizenzen für eigene Erfahrungen. Anschließend wurde das Thema über ein Kick-off-Meeting breiter ins Unternehmen getragen.

Warum sollte man beim Problem und nicht beim Tool anfangen?

TOMRA versteht KI nicht als eigenständiges Ziel, sondern als Werkzeug, um Prozesse besser, schneller und verlässlicher zu machen. Gezielte Projekte entstehen dort, wo große Datenmengen, manuelle Arbeit und komplexe Listen anfallen, etwa in Supply Chain und Fulfillment. Der Nutzen entsteht, wenn Mitarbeitende dadurch bessere Entscheidungen treffen und die Qualität steigt.

Welche Rolle spielt der ROI bei KI-Projekten?

Bei TOMRA muss hinter jedem Projekt ein ROI stehen. Gleichzeitig ist die Berechnung selbst eine Herausforderung, weil viele Anbieter viel versprechen und man kritisch und realistisch bleiben muss. Projekte, die sich nicht rechnen oder nicht in die Realität passen, werden nicht umgesetzt.

Warum sollte KI in den Fachbereichen verankert sein statt nur in einem zentralen Team?

Shared Services und geteilte Kompetenzen sind sinnvoll, aber KI darf kein Projekt mit Enddatum sein. In den Verantwortungsbereichen zeigt sich am besten, wo der Nutzen wirklich entsteht. Nachhaltige Verbesserung entsteht nur, wenn die Menschen, die die Aufgaben täglich kennen, einbezogen werden und mitentscheiden können.

Donnerstag 11. Juni ab 18 Uhr

Event: Data & AI After Hours in Köln

Praxisnahe Impulse & Austausch zu Data und AI